
Das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl konnte - mit der Unterstützung des Freundeskreises Habakuk, der Kunststiftung NRW sowie weiteren privaten Sponsoren - die bedeutende Außenarbeit "Grund / Ground" des israelischen Künstlers Micha Ullman (geb. 1939) erwerben. Die Bodenarbeit, die Ullman 1987 für die documenta 8 entworfen hatte und die große Beachtung fand, wurde nach der damaligen Ausstellung eingelagert und später zerstört. Für Marl hat der zweimalige documenta-Teilnehmer sein Werk nach den ursprünglichen Plänen neu eingerichtet und auf dem ehemaligen Friedhof an der Sickingmühle Straße hinter dem Parkplatz des Skulpturenmuseums aufgebaut.
Schlüsselwerk im Schaffen Ullmans
Ihre Bedeutung der Erdplastik für das Gesamtwerk des Künstlers - es ist die früheste Grubenarbeit von Ullman in Deutschland - ist unbestritten. Sie ist ein Schlüsselwerk und gehört damit in ihrer formalen wie inhaltlichen Ausprägung zu den wichtigsten Kunstwerken Ullmans, der in Deutschland vor allem mit dem Mahnmal "Bibliothek" (1995) bekannt wurde, das auf dem August-Bebel-Platz in Berlin an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 erinnert.
Vergangenheit und Erinnerung
Auch in "Grund / Ground" beschäftigt sich Micha Ullmann mit den Themen Vergangenheit und Erinnerung. In eine Wiese ist eine quadratische Grube mit abfallenden Böschungen eingelassen, über deren Ränder zwei u-förmige Eisenträger schweben. Einer dieser Eisenträger zeigt am Ende die Form eines umgekehrten Stuhles. Die irritierende Balance der Träger, die mit der Erde der Grube gefüllt und mit Gras überwachsen sind, und die umgekehrte Negativform des Stuhls verunsichern den Betrachter stark. Es entsteht die Assoziation eines Kraters, den ein umgekehrtes, herabgestürztes Haus, von dem nur noch die Eisenträger und der Stuhl existieren, hinterlassen hat: Hierüber scheint ‚Gras gewachsen‘ zu sein.
"Der Krater bleibt sichtbar"
In seinem Gutachten zur Anschaffung der Skulptur schreibt Dr. Volker Rattemeyer, Direktor des Museums Wiesbaden und ausgewiesener Kenner des Werks von Micha Ullman:
"Micha Ullmans erste Grube in Deutschland weckt die Erinnerung an die Vergangenheit. Häuser, die gebaut worden waren, um ansässig zu werden, sind zerstört worden, existieren nicht mehr. Der ursprüngliche Ort bietet keine Heimstätte, keinen Schutz mehr. Der umgekippte Stuhl - ein sichtbares Zeichen, dass der Mensch den Ort, an dem er verweilen wollte, verlassen musste. Nicht willkommen für immer? Oder doch zurückkehren darf, um dem Boden die Erde zurückzugeben, aus der sie entstammte. Selbst wenn Gras darüber gewachsen ist: Der Krater, der gerissen wurde, bleibt sichtbar. Mit der Skulptur "Grund" würde ein Beispiel für die zentrale Position von Künstlern in das Marler Museum einziehen, die sich in ihrer Arbeit nach wie vor der Idee der Aufbruchsorientierung der Zweiten Moderne verpflichtet fühlen."
Bedeutendes Werk der documenta
Mit diesem Werk besitzt das Skulpturenmuseum Glaskasten - neben den "Guillotinen" von Ian Hamilton Finlay - eine zweite Arbeit der documenta 8. Beide Kunstwerke gehörten damals zu den wichtigsten Präsentationen und stehen heute in Sichtweite zu einander im neuen Außengelände des Marler Skulpturenmuseums Glaskasten.
| 1939 | geboren in Tel Aviv |
| 1960-64 | Studium an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design, Jerusalem |
| 1965 | Studium an der Central School for Arts and Crafts, London |
| 1970-78 | Lehrtätigkeit an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design, Jerusalem |
| 1976 | Gastprofessur an der Hochschule für Bildende Künste, Düsseldorf |
| 1979-85 | Lehrtätigkeit an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung, Technion, Haifa |
| 1979-89 | Lehrtätigkeit in Plastik und Zeichnung am Fine Arts Department, Haifa University |
| 1985 | Sabbat-Jahr in New York |
| 1989 | DAAD-Stipendium, Berlin |
| 1991-2005 | Professur für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart |
| seit 1996 | Mitglied der Akademie der Künste, Berlin |
| 2004 | Ehrendoktor der Hebräischen Universität in Jerusalem/Israel |
| 2005 | Hans-Thoma-Preis des Landes Baden-Württemberg |
| Micha Ullmann lebt und arbeitet in Ramat Hasharon/Israel |