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Mapping the Region: Soundscape - Klanglandschaft Ruhrgebiet

Das Foto zeigt einen der so genannten „electrical walks" am Essener Hauptbahnhof. Foto: Christina Kubisch

Landschaften, Regionen, Städte und Orte besitzen eine eigenständige akustische Identität, die in den letzten Jahren häufiger durch Klangkünstler und deren ‚Soundscapes' vermittelt wurden. Der Wandel dieser klanglichen Einmaligkeit zeigt den Wandel des gesamten Raumes auf: Historische, soziologische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen sind an den akustischen Wandlungen hörbar und zu erkennen. Deshalb ist das Aufzeichnen und Widergeben von akustischen Situationen immer auch ein Festhalten der Gesamtstruktur einer Region und damit auch deren eigentlicher Identität. Die kanadische Komponistin Hildegard Westerkamp schrieb hierzu:

„Sobald man gewillt ist, sich seinen eigenen Ort wirklich intensiv anzuhören, wird man ein ganz anderer Mensch innerhalb dieses Ortes. Weil man dann jeden Klang wie ein Wort versteht. Und so sehe ich die ‚Soundscape', die Klanglandschaft: Sie ist eine Art von Sprache, die wir haben."

Die sozialen, architektonischen und geografischen Charakteristika von Städten sind vor allem in der Klangkunst, der elektronischen Musik und im Hörspiel immer wieder das Thema von akustischen Erkundungen gewesen. Mit der rapiden Weiterentwicklung der akustischen Aufnahmetechnik ist im Bereich des ‚field recording' in den letzten Jahren eine große Zahl von Werken entstanden, die sich mit dem akustischen ‚mapping' beschäftigen.

Christina Kubisch, Deutschlands wohl renommierteste Klangkünstlerin, erkundet Orte in einer besonderen Art und Weise, indem sie nicht die real akustisch vorhandenen Klänge aufzeichnet, sondern in einer Art „Äther surfing" die Welt der elektrischen Wellen, die uns umgeben, erforscht und analysiert. Sie konzentriert sich in ihren ‚Soundscapes' nicht auf das normal hörbare akustische Klangbild einer Situation, sondern auf die Wellenklänge, die für den Menschen normalerweise unhörbar sind, ihn aber in einer zunehmend digitalisierten Welt mehr und mehr umgeben: Die elektromagnetischen Wellen.

Seit ca. 30 Jahren beschäftigt sich die Künstlerin und Komponistin mit dem Verfahren der elektromagnetischen Induktion. Zunächst legte sie eigene Induktionslabyrinthe in Innenräumen an, die von den Besuchern mit Hilfe eigens dafür hergerichteter Kopfhörer „erlauscht und ergangen" werden konnten. Seit 2003 hat sich Christina Kubisch mehr und mehr den elektromagnetischen Erscheinungen der urbanen Umwelt zugewandt und durch sogenannte ‚Electrical Walks' in den Zentren von bisher 25 Städten der ganzen Welt (von Bremen bis Mexico City) für ein breites Publikum akustisch erschlossen.

Die Ausstellung


1) ‚Electrical Walks'

Für die Ausstellung „Mapping the Region - Klanglandschaft Ruhrgebiet" aus Anlass der Kulturhauptstadt RUHR.2010 wurde in enger Zusammenarbeit mit Technikern von der Künstlerin eine neue Serie von kabellosen Kopfhörern entwickelt, die es ermöglichen, die verborgenen elektromagnetischen Felder unserer Umwelt, und in diesem Fall des nördlichen Ruhrgebiets akustisch zu erschließen: Zum ersten Mal wird damit dem elektromagnetischen Klangbild einer ganzen Landschaft nachgegangen und versucht, exemplarisch aber charakterisierend festzuhalten.

Mit einer „elektromagnetischen" Landkarte und einem speziellen kabellosen Kopfhörer können sich die Besucher zu einer individuellen Hörexpedition aufmachen und das akustisch wahrnehmen, was ihnen normalerweise verborgen bleibt: die vielfältigen elektrischen Netze, die mehr und mehr durch unsere tägliche Umwelt gesponnen werden und die uns, wenngleich verborgen, doch in vielfältiger Weise beeinflussen.

Die wegweisenden geografischen Karten werden für fünf Städte des nördlichen Ruhrgebiets - Dorsten, Gelsenkirchen-Buer, Oberhausen, Marl und Recklinghausen - entwickelt. Das Spektrum reicht von den ‚Shopping Malls' der Innenstädte bis zu Umspannwerken auf der grünen Wiese. Darüber hinaus werden auch Routen für Auto und Fahrrad erschlossen. Alle diese vorgezeichneten Wege bieten jeweils eine eigenständige aber typische Klangroute an, der zu folgen, akustisch und ästhetisch die sichtbare Umwelt nachhaltig neu erfahren lässt. Die Wahrnehmung einer vertrauten Umgebung wird sich nach einem solchen Spaziergang wahrscheinlich verändern und die Dinge in einem anderen Licht sehen lassen. Neben den Einzelwanderungen werden zu bestimmten Terminen auch geführte Gruppenspaziergänge angeboten - durch die Städte, aber auch zu ausgesuchten speziellen elektromagnetischen Knotenpunkten.
Ausgabestellen für die Kopfhörer finden sich jeweils an zentraler Stelle in den genannten Städten und werden in einer nächsten Pressemeldung bekannt gegeben. Die electrical walks werden gratis sein, die Besucher werden aber gebeten, als Pfand für die ausgeliehenen Kopfhörer einen Ausweis zu hinterlegen.


2) Die Präsentation im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

Zentraler Punkt und Informationsmittelpunkt ist das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, wo auch die alles zusammenfassende und dokumentierende Ausstellung mit weiteren künstlerischen Erkundungen der elektromagnetischen Situation des Ruhrgebiets in unterschiedlichen Darstellungsweisen gezeigt wird.
So etwa in:


A) „Wave Catcher"
Video von Christina Kubisch mit Peter Simon und Eckehard Güther

Das Video entstand im Auftrag des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl an Christina Kubisch in Zusammenarbeit mit dem Kölner Videomacher und Künstler Peter Simon und dem Berliner Tontechniker Eckehard Güther. Das Team reiste mehrmals per Auto, Bus, Bahn und Zug durch das nördliche Ruhrgebiet von Oberhausen, Bottrop und Essen bis nach Marl, Recklinghausen und Dortmund. Ganz verschiedene Alltagssituationen wurden sowohl mit vertrauten realen Klängen als auch mit den an gleicher Stelle empfangenen elektromagnetischen Klängen gefilmt und zu einem „Puzzle" aus für das Ruhrgebiet typischen Orten und Situationen zusammengefügt. Die unzähligen Verkehrswege und Bahnhöfe wechseln sich ab mit versteckten Innenstadtgebieten, öffentlichen Gebäuden, dem manchmal idyllisch ländlichen Umland, den Baustellen von RUHR 2010, Hochspannungsleitungen, Sicherheitssystemen, Sammlungen in Museen, gemütlichen Konditoreien, Autobahnen...

Durch die fremden (elektromagnetischen) Klänge zu den dem Auge vertrauten Orten entsteht eine Diskrepanz der Wahrnehmung, die das Gewohnte und Bekannte in Frage stellt und fremd erscheinen lässt. Wie weit entspricht unsere Wahrnehmung der Realität und um welche Realität handelt es sich eigentlich?


B) "Klangwand" mit Audioguides

An einer großen Wand im Ausstellungsraum des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl hängen Fotos von Szenen aus dem Ruhrgebiet, von öffentlichen bis privaten Situationen, zu denen über ein tragbares Audioguide-System die an den jeweiligen Orten vorhandenen elektromagnetischen Klänge abgerufen werden können. Die Besucher gehen im Raum hin- und her und begeben sich auf eine Klangreise durch eine Bilderwelt, die voller Überraschungen sein wird.
Eine große Karte des nördlichen Ruhrgebiets wird außerdem die Lage der verschiedenen Orte aufzeigen.


C) Knotenpunkte

Klanginstallation
Christina Kubisch hat während des Zeitraums von einem Jahr immer wieder die elektromagnetischen Klänge der unterschiedlichen Verkehrsmittel (Zug, Bus, Bahn, Auto) im Ruhrgebiet mit ihrem speziellen Kopfhörer aufgenommen. Aus diesen magnetischen ‚Reiseklängen' entsteht eine dichte Klanginstallation, die sich an der Struktur des Schienen- und Straßennetzes anlehnt, und deren Komposition von den labyrinthartigen Wegen im Ruhrgebiet inspiriert ist.

Weitere Exponate sind vorgesehen.

 

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